Mit den Haien schwimmen

Nicht jeder fängt am selben Startpunkt an. Conny ist eine Figur, die ich von Anfang an respektiert habe – nicht weil ihr Weg einfach war, sondern weil sie ihn sich genommen hat. Mit allem, was dazugehört. Und mit allem, was das kostet.

Ich weiß noch, wie Soltau riecht, wenn man nicht mehr weg kann.
Nicht schlecht, das ist das Tückische. Es riecht nach frisch gemähtem Rasen und Sonntagsbraten und Menschen, die zufrieden sind. Die sich nie gefragt haben, ob Zufriedenheit vielleicht nur ein anderes Wort für Aufgeben ist.

Ich habe nachts über Büchern gesessen, während die anderen schon schliefen. Journalismus per Fernstudium. Tagsüber schrieb ich über Kaninchenzüchter und Feuerwehrfeste – und ich habe es gut gemacht, das ist das Schlimme. Man kann auch in der Bedeutungslosigkeit gut sein.
Irgendwann habe ich aufgehört, stolz darauf zu sein.

Hamburg war kein Traum. Es war ein Entschluss. Der Blick der Leute hier, wenn ich sagte, woher ich komme – diesen Blick habe ich gesammelt wie andere Briefmarken. Jedes Mal, wenn jemand dachte, er wüsste bereits, wer ich bin.

Lieber bei den Haien schwimmen, als in der Provinz zu ertrinken.

Ich habe das damals wirklich geglaubt. Ich glaube es heute noch.

Meistens.

„Das Messer“
Man lernt schnell, in Hamburg. Oder man verschwindet.
Ich habe gelernt. Wie man einen Raum liest, bevor man ihn betritt. Wie man lächelt, ohne etwas zu zeigen. Wie man Fragen stellt, die keine Fragen sind, sondern Fallen.
Journalismus, hatte mir ein alter Redakteur mal gesagt, ist das Handwerk der Neugier. Er hatte Unrecht. Es ist das Handwerk der Geduld. Man wartet, bis jemand vergisst, dass man zuschaut.

Ich habe nie vergessen, woher ich komme. Nicht weil ich nostalgisch wäre – Nostalgie ist ein Luxus für Leute, die sich ihre Vergangenheit schönreden können. Sondern weil es mich scharf hält. Wer einmal Staub geschmeckt hat, weiß, wofür er kämpft.
Das Messer hält man nicht aus Wut. Aus Wut zittert die Hand.
Man hält es ruhig. Präzise. Und man wartet auf den richtigen Moment.

Lieber bei den Haien schwimmen, als in der Provinz zu ertrinken.

Manchmal frage ich mich, ob ich inzwischen selbst einer bin.

„Der richtige Moment“
Es gibt Tage, an denen ich mein Spiegelbild nicht erkenne.
Nicht weil ich mich verändert hätte – sondern weil ich genau weiß, wie sehr. Das Mädchen aus Soltau würde die Frau, die ich geworden bin, wahrscheinlich bewundern. Vielleicht auch ein bisschen fürchten.

Ich sitze in Redaktionen, in denen die anderen von ihren Auslandssemestern reden, von Praktika bei Zeitungen, deren Namen Gewicht haben. Ich nicke. Ich lächele. Ich weiß, dass ich besser bin – nicht weil ich mehr Chancen hatte, sondern weil ich keine hatte.

Hunger macht präzise.

Aber heute Nacht, in dieser Stadt, in diesem Leben, das ich mir Stück für Stück erkämpft habe, sitze ich vor einem Text, der alles kosten könnte. Nicht nur den Job. Alles.
Und ich denke an Soltau. An die Bücher, den Staub, die Zugfahrten.

Lieber bei den Haien schwimmen, als in der Provinz zu ertrinken.

Ich drücke auf Senden.

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