Das Foto, das ich nicht zeige

Holger und Torsten habe ich lange im Kopf getragen – zwei Männer, die sich einmal alles bedeutet haben und irgendwann aufgehört haben, dieselbe Sprache zu sprechen. Dieser Text ist mein Versuch, Holger endlich selbst zu Wort kommen zu lassen.
Was bleibt von dem, was wir mit zwanzig für unverhandelbar gehalten haben?

Ich habe das Foto noch. Fiat Panda, Korsika, zwei Idioten ohne Geld und mit großen Plänen.
Ich habe es nie gepostet. Komisch, oder? Ich, der ich sonst alles zeige – jeden Espresso, jeden Sonnenuntergang, jedes verdammte Meeting mit Smalltalk-Gesicht – dieses eine Bild liegt seit Jahren in einem Ordner, den ich nicht einmal „privat“ nenne. Nur „2009″.
Torsten hätte gelacht. Hat er ja auch, damals. Über fast alles, was ich gesagt habe.
Ich weiß noch, wie ich in den Himmel geschrien habe, dass wir das System sprengen müssten. Banken, Konzerne, das ganze morsche Gebälk. Er lag im Sand und hat den Kopf geschüttelt, wie immer.
„Du bist ein Romantiker“, hat er gesagt.
Er hat nie verstanden, dass das kein Kompliment war, das ich mir selbst gemacht habe. Es war eine Warnung. An mich.

Manche Brände lodern dreizehn Jahre, bevor man merkt, dass man selbst mitten drin steht.

Was er nicht sah
Torsten hat mich für naiv gehalten. Das wusste ich. Er hat es nie gesagt, aber ich kannte diesen Blick – den, mit dem er ein Buch liest, während ich rede.
Was er nicht sah: Ich habe meine Kreditkarten nicht aus Trotz zu Hause gelassen. Ich hatte Angst, dass ich sie brauchen würde. Dass ich, sobald es unbequem wird, zurückfalle in das, was ich eigentlich bin. Einer mit Netz und doppeltem Boden.
Torsten hatte kein Netz. Er musste nicht performen, dass er „das echte Leben“ spüren wollte – er lebte es einfach, weil es keine Alternative gab.
Ich glaube, das war der eigentliche Unterschied zwischen uns. Nicht Idealismus gegen Vernunft. Sondern: einer von uns konnte sich leisten, romantisch zu sein.
Ich frage mich, ob er das je gemerkt hat. Ob er gemerkt hat, wie sehr ich ihn dafür beneidet habe, dass er nichts zu verlieren hatte.

Manche Brände lodern dreizehn Jahre, bevor man merkt, dass man selbst mitten drin steht.

Der Anzug am Haken
Heute hängt mein Anzug am Haken hinter der Tür, frisch von der Reinigung. Morgen ist eines der Treffen, bei denen man lächelt und Hände schüttelt, während man genau weiß, dass ab Montag niemand mehr lächeln wird.
Ich habe Holger von 2009 manchmal nachts vor mir, wie er im Sand sitzt und schreit, dass alles brennen muss. Banken. Konzerne. Das alte Geld.
Ich habe nie gedacht, dass „das alte Geld“ eines Tages der Name meines Vaters tragen würde. Oder eine Vorstandsliste, auf der auch ihr Name steht.
Torsten würde sagen, das war vorhersehbar. Dass man irgendwann selbst zu dem wird, was man verachtet – oder zumindest mit ihm schläft, an seinem Tisch sitzt, von seinem Geld lebt.

Manche Brände lodern dreizehn Jahre, bevor man merkt, dass man selbst mitten drin steht.

Montag geht der Artikel raus. Ich habe ihn dreimal gegengelesen. Ich werde ihn noch ein viertes Mal lesen, nicht weil ich an den Fakten zweifle. Sondern weil ich wissen will, ob ich es wirklich bin, der das schreibt – oder nur der Junge im Sand, der endlich seine Drohung einlöst.

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