Das Wort ist weg. Nicht im Sinne von: weg, weil es keiner mehr benutzt. Weg im Sinne von: weg, weil es keiner mehr findet. „Wehmut“ – das klingt wie ein leiser Schritt im Treppenhaus. Man hört ihn kaum, aber man weiß: Da ist jemand.
Die langsame Tasse
Früher war Wehmut eine Haltung. Eine Art, wie man eine Tasse hält, wenn der Tag schlecht war. Man hat sie nicht wütend zertrümmert, man war nicht heroisch. Man war nur… ein bisschen langsamer.
Heute dagegen ist alles entweder euphorisch oder kommentierbar. Wer traurig ist, tippt es sofort in einen Status. „Wehmut“ war nicht tragisch genug für die große digitale Inszenierung und nicht praktisch genug für die schnelle Lösung.
Das ausrangierte Messer
Darum wurde die Wehmut schlicht ausrangiert. Wie ein viel zu gutes Messer in einer Küche, in der man sich das Essen nur noch per App bestellt. Das Wort passt nicht mehr in den modernen Wortschatz: zu wenig Status, zu wenig Redezeit.
Wer hat die Wehmut versteckt? Ich glaube, sie ist einfach verhungert. An der ständigen Ablenkung. Am toxischen Daueroptimismus. An dem gnadenlosen Drang, jetzt sofort etwas aus jedem noch so kleinen Gefühl zu „machen“.
Der leere Stuhl
Wehmut braucht Zeit. Man muss ihr einen Stuhl hinstellen und sagen: „Setz dich. Wir reden nicht. Wir gucken nur.“
Denn so beginnt die Wehmut immer. Mit „nur ein bisschen“. Nur ein bisschen Nachtluft. Nur ein bisschen Erinnerung. Und nur ein bisschen dem Gefühl, dass etwas unwiderruflich vorbei ist – und man es genau deshalb für einen stillen Moment festhalten muss.