Man hat das Gefühl, das Wort Anstand sei stillschweigend aus dem Verkehr gezogen worden. „Ausgestorben“, sagt der Fachmann. „Selten geworden“, sagt der Beobachter. „War früher eh nicht so“, sagt derjenige, der sich seine eigene Rücksichtslosigkeit gern historisch legitimiert.
Der innere Türsteher
Anstand ist kein höfliches Nicken mit der Mütze auf der Promenade. Nein, Anstand ist die unangenehme Fähigkeit, sich selbst an der kurzen Leine zu halten, wenn weit und breit kein Publikum in Sicht ist. Er ist ein strenger, innerer Türsteher. Einer, der dich nicht einfach durchwinkt, nur weil die Schlange gerade kurz ist und niemand hinsieht.
Der Unterschied ist winzig – und gerade deshalb so gefährlich: Wenn niemand hinsieht, heißt das nicht automatisch „Es ist erlaubt“. Es heißt nur: Niemand sieht es.
Die Umdeutung der Egoisten
Heute ist man da großzügiger mit sich selbst. Man kann sein Unrecht jederzeit „besondere Umstände“ nennen. Man verkauft den eigenen Egoismus als „Realismus“ und den kleinen, schmutzigen Betrug als „klaren Standpunkt“. Moralische Fragen beantworten wir heute gern. Aber meistens erst, wenn jemand danach fragt. Oder uns dabei fotografiert.
Es ist erstaunlich, wie schnell ein Mensch Prinzipien entwickelt, sobald sein Prinzip laut genug beklatscht wird. Das Prinzip im stillen Kämmerlein hingegen nennt man dann schnell „Privatsache“ – als ob der Anstand in einem Zimmer wohnen würde, das man bei Bedarf abschließen kann, und nicht im Menschen selbst.
Die Inflation der Haltung
Und nun wundert man sich, dass überall so laut „Haltung gezeigt“ wird. Das ist ja auch praktisch: Haltung kostet nichts, solange sie nur aus einem schnell getippten Satz besteht.
Anstand hingegen kostet etwas – nämlich den schmerzhaften Verzicht auf einen winzigen Vorteil, der einem in genau diesem Moment unverschämt leicht gemacht wird.
Die Leise Tugend
Das ist der Grund, warum das Wort verloren ging: Es war unbequem, weil es uns nicht belohnte. Es taugt schlicht nicht zur digitalen Selbstdarstellung. Man kann Anstand nicht gut in eine Schlagzeile pressen. Er ist zu leise. Und die Menschen mögen heute vor allem Dinge, die man hören kann.
Vielleicht findet sich der Anstand eines Tages wieder. Nicht in Lexika, nicht im Feuilleton und nicht beim moralisierenden Leitartikler. Sondern in den Momenten, in denen niemand etwas merkt. Dort, wo die eigene Hand nicht zugreift – einfach nur, obwohl sie es könnte.