Der tägliche Daumenzirkus

oder: Die Waffe im Kaugummi-Automaten

Man sagt ja, die Sprache sei eine Waffe. Ein schöner Satz. Er klingt nach blankem Stahl, nach Fechtkunst und nach einem hellen, unbestechlichen Verstand. Wenn man sich heute allerdings ansieht, wie die Zeitgenossen in ihre liebgewordenen Stücke Technik starren und mit den Daumen darauf herumtrommeln, bekommt man eher Mitleid mit der Waffe. Sie ist nicht mehr scharf. Sie ist stumpf geworden wie ein altes Buttermesser, mit dem man verzweifelt versucht, ein gefrorenes Brötchen zu zerteilen. Man säbelt und drückt, aber es entsteht kein Schnitt – es entsteht nur Gebrösel.

In diesen digitalen Hinterhöfen, die man jetzt so gern „soziale Netzwerke“ nennt, wird nicht gefochten. Dort wird entweder mit Wattebällchen geworfen oder mit dem Holzhammer hantiert. Man schreibt nicht mehr, man sondert ab. Ein paar bunte Bildchen, drei Ausrufezeichen und ein Haufen Abkürzungen, die klingen, als hätte jemand beim Kauen von trockenem Zwieback einen heftigen Schluckauf bekommen. LOL. OMG. WTF. Das sind keine Waffen, meine Damen und Herren. Das sind Krücken für Leute, denen das Vokabular bereits an der Garderobe abgenommen wurde.

Ein scharfes Wort braucht Schliff. Es braucht die Zeit auf dem Schleifstein des Nachdenkens. Wer aber nur noch mit dem Daumen fuchtelt, hat für diesen Schliff keine Muße. Da wird beleidigt, gezetert und gejubelt, alles in einem grauen Einheitsbrei aus hastig hingeworfenen Brocken. Die Sprache verroht, weil sie zur reinen Entladung verkommt. Wir erleben die totale Artillerie des Affekts: Erst schießen, dann zielen, und am Ende behaupten, man hätte es nicht so gemeint.

Die Feinheiten verschwinden im Getöse. Die Ironie – früher die feinste Klinge des Geistes – ist heute zum lebensgefährlichen Risiko geworden. Wer sie ohne ein gelbes Grinsegesicht benutzt, wird sofort wegen Hochverrats am Ernst der Lage füsiliert. Und Poesie? Gilt als verdächtig. Man müsste für sie ja länger als drei Sekunden stillhalten, und Stillhalten ist in einer Welt, die vor lauter Senden das Empfangen verlernt hat, der Gipfel der Provokation.

Früher hieß es, man solle erst denken und dann sprechen. Heute drückt man erst auf Senden und wundert sich hinterher, warum die Welt so laut und hohl klingt wie eine leere Blechdose im Wind. Die Sprache rostet in der feuchten Luft der allgemeinen Aufregung vor sich hin. Wir glauben, wir wären besonders schlau, nur weil wir jeden Furz unserer Seele in Windeseile in den Äther blasen können. Dabei produzieren wir meistens nur heiße Luft, die nach verbranntem Plastik riecht.

Wer eine Waffe führt, sollte wissen, wie man sie hält. Ein Degen ist kein Knüppel! Ein gut gesetzter Satz kann eine Mauer einreißen, während ein wütender Beitrag im Netz meistens nur jenen Staub aufwirbelt, in dem die Vernunft erstickt. Wir sollten die Feile wieder auspacken. Ein bisschen mehr Grammatik, ein bisschen weniger Schaum vor dem Mund. Es tut gar nicht weh, einen Gedanken zu Ende zu führen, bevor man ihn der Öffentlichkeit vor die Füße wirft wie einen nassen Lappen.

Vielleicht ist die Sprache heute gar keine Waffe mehr, sondern nur noch ein Kaugummi, den man so lange kaut, bis er nach gar nichts mehr schmeckt. Man spuckt ihn aus und nimmt den nächsten bunten Brocken aus dem Automaten. Das ist schade um die schönen Wörter. Sie hätten Besseres verdient als diesen täglichen Daumenzirkus.

Haltet die Sprache scharf. Denn wer sie nicht ehrt, ist des klaren Gedankens nicht wert. Und ohne klaren Gedanken bleibt uns am Ende nur noch das Grunzen – und das ist selbst für ein Buttermesser zu wenig.

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