Man sagt uns, der moderne Mensch leide an einem Vakuum. Früher war dieses Vakuum im Kopf oder im Herzen, heute trägt man es in der Westentasche mit sich herum, und es leuchtet, wenn man darauf drückt. Die Fachleute nennen es die „digitale Sinnsuche“. Das klingt nach Abenteuer und nach Tiefseetauchen, ist aber meistens nur das verzweifelte Wischen auf einer Glasplatte, so wie ein Fensterputzer, der vergisst, dass hinter der Scheibe auch noch eine Welt existiert.
Die Patienten – und das sind wir im Grunde fast alle – leiden an einer merkwürdigen Form von Schwindel: Wir glauben, wir seien erst dann vorhanden, wenn uns jemand angeklickt hat. Wer nicht „teilt“, der findet nicht statt. Das ist eine ontologische Zwickmühle, aus der kein Algorithmus heraushilft. Man füttert das Vakuum mit buntem Content, mit Bildern von Mittagessen und Katzen, als könne man eine innere Leere mit äußeren Pixeln stopfen. Das ist so, als wollte man einen Hungerstreik durch das Betrachten von Kochbüchern beenden.
Nun stellt sich die Frage: Ist das heilbar?
Die Pessimisten sagen: Nein. Die Menschheit ist bereits mit dem W-LAN-Kabel verwachsen und die Operation würde zum sofortigen Exitus führen. Aber wir wollen nicht hoffnungslos sein. Es gibt ja die Randgruppen. Das sind die Leute, die noch wissen, wie sich ein Hobel anfühlt oder wie man eine Leinwand grundiert, ohne eine App zu öffnen.
Die Heilung, wenn es sie denn gibt, ist keine Tablette. Sie ist eine Werkbank. Oder ein Malkasten. Oder schlicht die Erkenntnis, dass ein selbst geschreinertes Regal mehr über den Sinn des Lebens aussagt als zehntausend „Likes“ für ein Zitat, das man ohnehin nicht verstanden hat.
Man muss die Patienten wieder an das Greifbare gewöhnen. Man muss ihnen zeigen, dass die Welt nicht aus glatten Oberflächen besteht, sondern aus Splittern, Staub und echtem Widerstand. Sinn ist nämlich keine Datei, die man herunterlädt. Sinn ist das, was übrig bleibt, wenn man die Hände gewaschen hat und sieht, was man an diesem Tag tatsächlich getan hat.
Die digitale Sinnsuche ist also heilbar. Aber die Therapie ist schmerzhaft: Man muss gelegentlich das Licht ausschalten und lernen, im Dunkeln allein mit sich selbst fertig zu werden. Oder man fängt erst einmal klein an und baut ein Vogelhäuschen. Das ist zwar nicht „viral“, aber die Vögel wissen den Unterschied zwischen einem Pixel und einem Körnchen durchaus zu schätzen.