Das Echo im Feed

Ein Out-Take aus einem Manuskript, der hier einen guten Platz hat

Torsten rührte in seinem längst kalt gewordenen Kaffee. Das künstliche Licht des Displays war die einzige Wärmequelle, die sein Gesicht traf. Unter seinem Daumen zog ein endloser Strom aus fremden Leben vorbei – ein Archiv der Eitelkeiten.

Das sind Geschichten, in Büchern gelesen.
Da war der Business-Coach, der tiefgründige Philosophie aus einem Bestseller-Ratgeber rezitierte, den er vermutlich nie zu Ende gelesen hatte. Zitate von Seneca und Marc Aurel, hastig kopiert und elegant flankiert von Rabattcodes für den neuesten Protein-Shake. Tiefe als reine Ästhetik.

Geschichten aus dem täglichen Sterben.
Ein kurzer Wisch weiter: Die performative Empörung. Die Welt ging unter, heute in Großbuchstaben und mit drei Ausrufezeichen. Ein hastig zusammengetippter Weltschmerz zwischen zwei Meetings, nicht um etwas zu ändern, sondern nur, um zu beweisen, dass man auf der moralisch richtigen Seite steht. Der tägliche Untergang als Währung für ein paar flüchtige Likes.

Geschichten, die mir keiner glaubt.
Torsten blieb an einem perfekt ausgeleuchteten Porträt hängen. Die Haut porenlos glatt, das Lächeln so makellos und das inszenierte Glück so grell, dass es fast wehtat. Nichts daran atmete Wirklichkeit. Sie wusste es, er wusste es, und jeder, der darunter ein Herzchen hinterließ, wusste es auch. Ein stillschweigender Pakt der kollektiven Selbsttäuschung.

Das sind Geschichten und sie sind geklaut.
Der nächste Post im Feed war ein exaktes Abbild des vorherigen, nur mit einer anderen Kulisse. Derselbe Filter, derselbe trendige Sound, dieselbe hohle Pose. Eine endlose, ermüdende Kopie einer Kopie, bis der Ursprung völlig vergessen war.

Torsten ließ das Telefon sinken und legte es mit dem Bildschirm nach unten auf die Tischplatte. Die gewohnten Großstadtneurosen um ihn herum – das Hupen der Taxis, das Klappern der Tassen, das gemurmelte Gespräch am Nachbartisch – wirkten plötzlich wie eine Erholung. Es war laut, es war unperfekt. Aber es war wenigstens echt.

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