Protokoll

Nicht jeder, der leise ist, hat nichts zu sagen.
Torsten ist die Figur, bei der ich am längsten gezögert habe. Er hält so vieles zusammen und steht dabei so selten im Licht: der stille Chronist neben dem lauten Visionär. Diese Geschichte erzählt, wie es zwischen ihm und Holger angefangen hat. Mit einem Antrag auf Raumnutzung.

Wer schreibt eigentlich auf, was wirklich passiert ist?

Ich habe das Protokoll noch. Drei Seiten, handschriftlich, Wintersemester. Tagesordnungspunkt vier: Raumvergabe. Tagesordnungspunkt fünf: die Revolution.

Holzkamp stand vorne und redete über die Systemimmanenz der Unterdrückung. Er redete gut. Er redete so, dass man mitschreiben wollte, und genau das tat ich. Ich saß an dem kleinen Tisch in der Ecke, wo immer der saß, der Protokoll führte. Meistens ich.
In Buxtehude hatte ich gelernt, dass die Welt nicht von denen verändert wird, die am lautesten reden. Sondern von denen, die die Formulare kennen. Mein Vater hat sein Leben lang Anträge ausgefüllt, für andere, die es nicht konnten. Er hat nie eine Rede gehalten.
Ich schrieb mit und dachte: Der Mann meint jedes Wort. Und keines davon wird er je selbst umsetzen müssen.
Das war ungerecht. Ich wusste es schon damals.

Nach der Sitzung ging ich zu ihm. Er packte gerade seine Sachen, umringt von zwei Erstsemestern, die ihn ansahen wie einen Propheten.

„Du redest viel, Holzkamp. Aber du hast vergessen, den Antrag auf Raumnutzung zu unterschreiben.“

Er sah mich an, als hätte ich einen schlechten Witz gemacht. Dann lachte er. Ein lautes, ehrliches Lachen, das ganz anders klang als seine Rede.

Ohne Unterschrift keine Revolution.

Er hat unterschrieben. Und mich danach auf ein Bier eingeladen, das ich bezahlen musste, weil er sein Portemonnaie vergessen hatte. Es war nicht das letzte Mal.

Ich habe damals geglaubt, ich sei der Vernünftige von uns beiden. Der, der festhält, was andere sagen, damit es nicht verloren geht. Heute weiß ich: Wer nur mitschreibt, muss sich nie entscheiden, auf welcher Seite des Protokolls er steht.
Protokolle halten fest, was gesagt wurde. Nicht, was gemeint war.
Ich habe lange gebraucht, um den Unterschied zu verstehen.

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