Das kalte Erwachen

In Gedenken an Rio Reiser

Man wacht ja nicht plötzlich auf. Das Erwachen schleicht sich ein. Wie ein Bildschirm, dessen Hintergrundbeleuchtung langsam den Geist aufgibt. Man starrt auf das Glas und sieht plötzlich nicht mehr die weite, bunte Welt dahinter, sondern nur noch das eigene, müde Spiegelbild.

Das verblasste Versprechen
Der Traum war groß. Wir wollten ein globales Dorf bauen, einen grenzenlosen Chor der Stimmen. Wir glaubten allen Ernstes, wir hätten die Einsamkeit abgeschafft, nur weil wir das gesammelte Wissen der Menschheit in die Hosentasche steckten. Wir dachten, wir wären die Architekten einer neuen, leuchtenden Ära.
Die hochauflösende Einsamkeit
Aber der Traum ist aus. Wer heute mit offenen Augen durch die Straßen geht, sieht keine Verbundenheit. Er sieht Menschen, die sich an leuchtende Rechtecke klammern wie Schiffbrüchige an Treibholz. Wir kommunizieren nicht mehr, wir senden nur noch. Wir haben die Einsamkeit nicht besiegt, wir haben sie lediglich flächendeckend hochauflösend gemacht.

Der Kater danach
Die Illusion vom digitalen Utopia zerbricht gerade leise an der Realität. Das ist ein kalter Morgen. Der Kopf schmerzt vom endlosen Scrollen und die Reizüberflutung der letzten Jahre fühlt sich an wie ein billiger Kater. Aber dieser Kater ist kein Grund für absoluten Pessimismus. Im Gegenteil.

Die ungefilmte Wahrheit
Wenn die digitale Kulisse fällt, bleibt das Echte übrig. Es gibt sie nämlich noch, die stille, unbeobachtete Wahrheit. Es ist der Apfel, der ungefilmt vom Baum fällt. Niemand hat ihn fotografiert, niemand hat das Geräusch geteilt, niemand hat ihn kommentiert. Und trotzdem ist er gefallen. Er ist einfach da – wahrhaftig und unbestechlich.

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