Einen schönen Gruß aus dem OFF

Mit einer tiefen Verbeugung vor Wolfgang Niedecken

Man sagt uns Norddeutschen ja nach, wir seien sparsam mit unseren Grüßen. Ein knappes „Moin“ reicht für den gesamten Tagesablauf. Alles darüber hinaus gilt bereits als Schwatzhaftigkeit. Doch manchmal wünscht man sich die rhetorische Eleganz des Rheinlands.

Die rheinische Ohrfeige
Es gibt da dieses alte, wütende Lied einer Kölner Rockband. Ein Lied, das ironische Grüße an all jene verteilt, die unfehlbar sind. An die Heuchler und die moralischen Wetterfahnen. Eine Sicht, die dringend entstaubt und neu in die Gegenwart gebracht werden muss. Denn die Unfehlbaren sind nicht verschwunden. Sie haben nur die Plattform gewechselt.

Grüße an die Unfehlbaren
Also: Einen schönen Gruß an all jene, die ihre eigene Meinung längst für eine empirische Naturwissenschaft halten. An die digitalen Philosophen, die aus jedem lauwarmen Kaffee eine Lektion über Selbstoptimierung und Führungskompetenz basteln. Sie irren sich nie, denn sie haben die Realität längst durch ihre eigene Filterblase ersetzt.

Grüße an die Empörten
Einen schönen Gruß an die lauten Moralisten. An all die, deren „Haltung“ genau dort endet, wo der eigene Verzicht beginnen müsste. Sie fordern Solidarität in 280 Zeichen, aber wechseln eilig die Straßenseite, wenn die Realität sie nach Kleingeld fragt. Grüße an die Empörungsmaschinerie, die jeden Tag routiniert eine neue Sau durch das digitale Dorf treibt, um sich abends für ihr Engagement auf die Schulter zu klopfen.

Grüße an die Flexiblen
Einen schönen Gruß an die Opportunisten der Moderne. An diejenigen, die den Wind nicht messen, um die Segel richtig zu setzen, sondern um zu wissen, in welche Richtung sie heute kriechen müssen. Sie haben für jedes Problem ein Lächeln und für jede Krise einen Sündenbock.

Der Gruß an den Rest
Aber der letzte Gruß gehört den anderen. Ein schöner Gruß an diejenigen, die den Kopf oben behalten, wenn der Wind von vorn kommt und es ungemütlich wird. An die Leisen, die morgens aufstehen, ihren Job machen und den Anstand bewahren – auch und gerade dann, wenn das Publikum fehlt.
Sie bekommen selten Applaus. Sie haben keine Follower. Aber sie haben etwas, das sich im digitalen Daumenzirkus nicht skalieren lässt: ein Rückgrat.

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