Das vernetzte Elend im Taschenformat

Man betrachte den modernen Menschen. Früher saß er gelegentlich einsam auf einer Parkbank, starrte Löcher in die Luft und war – mangels digitaler Bespaßung – ein recht friedliches Luder. Er wusste nichts von den Eheproblemen fremder Pendler und blieb verschont von der dringenden Information, dass Tante Erna im fernen Buxtehude heute Grießbrei speist. Er war allein mit sich – ein Zustand, den man heute wohl unter „sozialer Isolation“ polizeilich melden würde.
Doch dann kam die Technik. Ach, das gute alte Telefon! Jener klobige Kasten mit der Wählscheibe, den unsere Großeltern ehrfürchtig ans Ohr hielten wie ein mystisches Artefakt, um eine Verbindung zur Außenwelt zu erflehen. Heute tragen wir schlanke, leuchtende Technikmonster in der Westentasche. Sie versprechen Freiheit, doch sie liefern eine elektronische Hundeleine, an der man uns unerbittlich durch den Tag zerrt.

Die Abschaffung des Ungefähren

Früher war man „nicht da“. Ein herrlicher, fast sakraler Zustand! Man war im Wald, im Bad oder schlichtweg im Ungefähren. Heute ist das Ungefähre abgeschafft. Wer nicht binnen drei Minuten auf ein digitales „Ping“ reagiert, gilt als verschollen, arrogant oder – Gott bewahre – tot. Die Abwesenheit ist zum Hochverrat an der Gemeinschaft geworden.
Das Ausbleiben des Klingelns ist heute fast so unerträglich wie der Entzug von Sauerstoff. Auf dem Bahnsteig, im Restaurant, selbst am offenen Grab – überall lauert das Fiebern auf das nächste Vibrieren. Wir brennen vor Ungeduld, während der Empfang schwindet. Wir fressen die Distanz und ersticken an der Nähe.

Der Sekretär des eigenen Untergangs

Es entsteht eine gigantische Kommunikations-Illusion. Wir werden überhäuft mit Emojis, die echte Empfindungen simulieren sollen, während der Blickkontakt längst auf der Strecke geblieben ist. Wir verwalten unsere Einsamkeit in Gruppen-Chats und senden Bilder von unserem Abendessen an Menschen, die wir eigentlich gar nicht mögen, nur damit diese uns mit einem „Like“ bestätigen, dass wir überhaupt noch existieren. Wir sind zusammen, aber meilenweit entfernt, getrennt durch eine Glasscheibe von fünf Zoll.
Ohne das Ding in der Hand fühlen wir uns nackt, amputiert, von der Weltgeschichte abgeschnitten. Wir haben panische Angst, etwas zu verpassen – dabei verpassen wir beim Tippen meistens nur das Leben, das gerade vor unserer Nase über die Straße geht. Wir sind die Sekretäre unseres eigenen Untergangs geworden.

Demut vor dem Datenverbrauch

Ständig muss das Gerät gecheckt, gefüttert und vor dem digitalen Gastod mit 10 Prozent Restakku bewahrt werden. Wir stehen an der Straßenecke, das Kinn tief auf die Brust gepresst. Früher nannte man diese Haltung Demut. Heute ist es schlicht der mobile Datenverbrauch.
Was hat uns diese Revolution nun gebracht? Wir wandern auf dem schmalen Grat zwischen genialer Innovation und digitalem Gefängnis. Das Fazit eines Fortschrittsgeschädigten fällt nüchtern aus: Der Mensch ohne Telefon war ein armes Luder, weil er niemanden erreichte. Der Mensch mit Telefon ist ein armes Luder, weil ihn jeder erreicht.

Vielleicht sollten wir wieder lernen, mit unseren Lippen statt mit den Daumen zu sprechen. Legen Sie das Gerät beiseite. Wer weiß – vielleicht war das arme Luder auf der Parkbank am Ende doch ein kleines bisschen glücklicher

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